Das verblüffende Gas-Wunder der deutschen Industrie

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Der Gasverbrauch der deutschen Konzerne ist drastisch gesunken – einerseits, weil die Produktion heruntergefahren wird. Deutschlands Wirtschaft entdeckt aber auch pfiffige Methoden, mit weniger Energie klarzukommen.

Unter dem Eindruck ausbleibender Gaslieferungen aus Russland und den Vorboten eines kühlen Winters spart die Industrie auf einmal Gas. Und zwar nicht ein paar Prozent, sondern gleich bis zu einem Fünftel ihres bisherigen Gaskonsums. Im September lag der industrielle Verbrauch um rund 14 Prozent unter dem Mittelwert der vergangenen Jahre, im Juli und August waren es sogar mehr als 20 Prozent weniger. Damit ist die Industrie der Bereich, in dem am schnellsten und am meisten Gas eingespart wurde.

Doch das Wunder ist menschengemacht, und es ist auch nicht durchweg ein Grund zur Freude. Die Industrie erreicht das Ziel, das die Bundesregierung als Empfehlung vorgegeben hat, nämlich auf zwei Wegen. Der eine ist kein Grund zur Freude: Weil die Energiepreise so hoch sind, kommen viele Unternehmen nicht umhin, ihre Produktion herunterzufahren. Sie legen Maschinen still, was am Ende zu roten Zahlen in der Bilanz führt.

Die Glashersteller zum Beispiel bringen es griffig auf den Punkt: Ohne Gas kein Glas. Mit dem Rücken zur Wand stehen die Aluminiumhersteller. Hier zählt man bereits die Opfer der Energiekrise. Die Aluminiumproduzenten haben extrem hohe Energiekosten und können ihre Werke nicht einfach herunterfahren. Ein plötzlich Auskühlen würde ein Wiederhochfahren unmöglich machen. Einer der größten Hersteller, Speira, hat laut aktueller Mitteilung beschlossen, 50 Prozent seiner Produktion im „Rheinwerk“ bei Düsseldorf bis auf Weiteres einzuschränken. Diese Entscheidung habe man aufgrund der steigenden Energiepreise in Deutschland getroffen.

Mit dem Abschalten wurde Anfang Oktober begonnen und voraussichtlich im November soll die Hälfte der Produktion dann stillstehen. „Die Energiepreise haben in den letzten Monaten ein zu hohes Niveau erreicht“ sagt Speira-Chef Einar Glomnes, „und wir gehen nicht davon aus, dass diese in naher Zukunft sinken werden. Diese Entwicklung erfordert, dass wir die Hälfte unserer Produktion bis auf Weiteres drosseln, um Speiras Wertschöpfung zu erhalten.“

Der zweite Weg ist deutlich konstruktiver. Industriebetriebe fahren Maschinen nicht mehr unter Volllast, nutzen Wärme aus der Produktion und wechseln dort, wo es schnell machbar ist, beim Verfeuern von Gas auf Öl oder Kohle. Der Schraubenhersteller Würth stellt seine Öfen, die das Material von Schrauben härten, derzeit von Gas auf Strom um. Der Glashersteller Wiegand Glas sowie die Brauerei Veltins gaben bekannt, in der Produktion von Gas auf Heizöl wechseln zu können.

Unternehmen wie der niedersächsische Mittelständler Lenze haben sich darauf spezialisiert, energiesparende Prozesse in der Industrie einzuführen. Lenze-Chef Christian Wendler berichtet, wie so etwas gehen kann: „Der deutsche Ingenieur denkt stets mit Puffer.“ Dadurch entstehe in einem Prozess eine Kette von Reserven, die Arbeitsprozesse am Ende ineffizient machen können. Mit genauen Daten, was gebraucht wird, ließe sich das verhindern.
Und darüber hinaus: Bewegungsabläufe ließen sich verbessern. „Ich vergleiche“, sagt Wendler, „das immer mit einem Auto: Wenn es von roter Ampel zu roter Ampel spurtet, verbraucht es sehr viel Energie. Wenn es langsam fährt und dadurch die grüne Welle erwischt, ist es genauso schnell am Ziel, aber verbraucht deutlich weniger.“

Einer, der ebenfalls intensiv nach einer Antwort auf die hohen Energiepreise suchen muss, ist Martin Brudermüller. Er ist Chef des größten deutschen Gasverbrauchers: des Chemieriesen BASF##chartIcon. Der Konzern benötigt allein am Standort Ludwigshafen etwa vier Prozent der Gasmenge in Deutschland. Das entspricht dem, was die gesamte Schweiz verfeuert.

Brudermüller warnt und handelt. Wird das Gas bei BASF knapp, setzt das Unternehmen seinen „Sonderalarmplan Erdgas“ in Kraft. Der schreibt detailliert vor, wie das gewaltige Werk in Ludwigshafen auf Erdgaskürzungen oder Druckschwankungen reagiert. Kurz zusammengefasst steht da: Bleibt die Versorgung bei mehr als der Hälfte des maximalen Erdgasbedarfs, könnten die Anlagen mit verringerter Last weiterbetrieben werden. Umgekehrt bedeutet das, dass bei weniger als 50 Prozent Lieferung der Betrieb eingestellt wird.

Die Folgen malt Brudermüller so aus: „Sollten wir kein Gas mehr zugeteilt bekommen, blieben uns für das Herunterfahren des Standorts Ludwigshafen ein paar Stunden. Dann stünde der riesige Standort zum ersten Mal in seiner Geschichte still. Wenn der Druck in den Leitungen unter 38 bar fällt, schalten sich die Anlagen automatisch ab. Es ist nicht trivial, eine Anlage, die bei hohen Temperaturen gefahren wird, binnen Stunden kontrolliert abzukühlen.“ Nachdem Brudermüller das gesagt hatte, brach der Kurs der Aktie ein.

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