Krankenschwester rechnet ab. „Ich rate jedem ab, sich auf meiner Station behandeln zu lassen“

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Unterversorgung und sogar eine Gefährdung der Patienten wirft die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Laura ihrem Arbeitgeber vor. Im Interview mit FOCUS online spricht sie anonym über ihren Arbeitsalltag, den sie einfach nicht länger so hinnehmen kann.

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Um die Situation von Pflegebedürftigen und die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften in Deutschland zu verbessern, wurde 2021 eine neue Pflegereform vom Bundestag beschlossen, die seit diesem Jahr in Kraft ist. Hat sich seitdem die Situation der Pflegekräfte verbessert? Nein, sagt die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Laura (Name von der Redaktion geändert) .
Laura arbeitet an einer großen deutschen Universitätsklinik und möchte unerkannt bleiben, da sie Angst hat, ihren Job zu verlieren. Schweigen möchte die 31-Jährige trotzdem nicht länger. Im Interview mit FOCUS-online-Reporterin Lisa-Marie Jeschina spricht sie über die Zustände an deutschen Krankenhäusern und erhebt Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber.

„Blutige Entlassung“

Aus finanziellen Gründen fänden Operationen statt, obwohl keine freien Betten auf der Station zur Verfügung stünden. Frisch Operierte müssten infolge auf dem Gang untergebracht werden, wo keine Notfall-Alarmknöpfe zur Verfügung stünden, so die Pflegerin.
Noch nicht vollständig Genesene würden zum Teil „blutig“ entlassen werden, um Platz auf den Stationen zu schaffen. Es käme immer wieder vor, dass Patienten dann in der Notaufnahme mit Symptomen wie Fieber erneut vorstellig werden müssen.

Angst vor Überlastung auch auf Kosten der Patienten

Wegen Personalmangels trage die Krankenschwester häufig allein die Verantwortung für mehr als 20 Patienten. Täglich begleite sie die Angst, dass es zu medizinischen Notfällen komme, weil sie sich einfach nicht um alle Patienten gleichzeitig kümmern könne.
Darunter leide auch massiv die tägliche Pflegearbeit. Es sei unmöglich, zu gewährleisten, dass alle Kranken täglich gewaschen würden und neues Bettzeug erhalten. Dabei ist das laut der Pflegerin eigentlich Standard – vor allem bei den aktuellen Sommertemperaturen und fiebrigen Patienten.

„Arbeitspensum macht krank“ – Medikamentenmissbrauch als Folge

Nicht nur für die Patienten seien die Zustände untragbar – auch für das Personal sei die Situation unzumutbar. „Das Arbeitspensum macht krank“, sagt Laura gegenüber FOCUS online. Um die wechselnden Tag- und Nachtschichten körperlich zu bewältigen, greife die 31-Jährige regelmäßig zu Schlafmitteln. Der Medikamentenmissbrauch sei eine Folge der dauerhaften Arbeitsüberlastung.
Dass sich etwas ändern muss, wird Laura unweigerlich vor Augen geführt, als sie selbst in einer Klinik behandelt wird. Zu diesem Zeitpunkt, so sagt sie, sei sie körperlich und geistig nicht mehr in der Lage gewesen, weiterzuarbeiten. Danach steht für die Pflegekraft fest, dass sie nicht bis zum Rentenalter in ihrem Beruf arbeiten kann – nach nur neun Jahren im Job. Sie reduziert ihre Stelle auf Arbeit in Teilzeit und beginnt ein Studium. Bis 2024 hofft sie so den Ausstieg aus der Pflegebranche zu schaffen.

Pflegerin will nicht länger schweigen

Laura hat sich für den Weg an die Öffentlichkeit entschieden, weil sich aus ihrer Sicht nicht nur für sie persönlich, sondern für die komplette Pflegebranche dringend etwas ändern muss.
Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Bezahlung – das sind ganz konkrete Forderungen, die Laura stellt. Nur wenn sich die Bedingungen ändern, könne der dramatische Personalmangel behoben werden.

Viel Zeit bleibt nicht, denn der Pflegenotstand in Deutschland spitzt sich weiter zu. Nach den Berechnungen des Barmer-Pflegereports werden 2030 sechs Millionen Deutsche pflegebedürftig sein – das sind zwei Millionen mehr als aktuell.

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