Virologe Streeck: „Gibt keinen Grund mehr, Corona eine Sonderstellung zu geben“

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Auch Virologe Hendrik Streeck sieht ein Ende der Corona-Pandemie und fordert deshalb einen anderen Umgang. Es mache Sinn, von Regeln in Gebote überzugehen, sagt er im Gespräch mit FOCUS online.

Das von Charité-Virologen Christian Drosten verkündete Pandemie-Ende schlug hohe Wellen – zumindest in der Bevölkerung. Denn Virologen wie Ärzte zeigen sich weniger überrascht.
„Letztlich haben das in den vergangenen Wochen ja bereits mehrere Experten gesagt, etwa Stiko-Chef Thomas Mertens“, sagte Virologe Hendrik Streeck im Gespräch mit FOCUS online. „Damals sorgte das noch für helle Aufregung.“ Aber auch er gibt Drosten recht – „aus virologischer Sicht“. Denn es sei immer auch eine politische und gesellschaftliche Entscheidung, ob ein Pandemie-Ende verkündet wird.
Ein Gespräch über den zukünftigen Umgang mit Corona, das potentielle Ende der Corona-Regeln und was sich auch im Hinblick auf Impfungen ändern könnte.
FOCUS online: Nach dem verkündeten Pandemie-Ende – wie wird es mit Corona weitergehen?
Hendrik Streeck:  Das Virus ist mittlerweile heimisch geworden. Aufgrund der hohen Grundimmunität und Omikron macht es aber nicht mehr so schwer krank wie zu Beginn der Pandemie. Trotzdem werden wir im Herbst und Winter immer entsprechende Infektionswellen sehen. Das ist die klassische Husten- und Schnupfenzeit, das kennen wir alle. Und das sehen wir auch für die anderen heimischen Coronaviren, die im Herbst und Winter immer ansteigen und im Frühjahr wieder abfallen. Wie sich das Coronavirus jetzt da einreiht, müssen wir beobachten. Aber es ist davon auszugehen, dass sich das zukünftig ähnlich verhält.
Das zeigt sich auch daran, dass derzeit andere Erreger, etwa Influenzaviren oder RSV viel stärker durchkommen. Es gibt daher aus meiner Sicht keinen Grund mehr, Corona prinzipiell eine Sonderstellung zu geben. Wir müssen hier langsam aber stetig eine Angleichung an die anderen Erreger wagen.
Gegen die heimischen Coronaviren gibt es keine Impfung. Glauben Sie, die Impfempfehlung für Sars-CoV-2 bleibt?
Streeck:  Ich denke, die Ständige Impfkommission (Stiko) macht eine sehr gute Arbeit. Wie sie entscheiden wird, bleibt abzuwarten. Ich gehe aber davon aus, dass die StiKo zum Herbst und Winter immer wieder den Über-60-Jährigen eine Auffrischungsimpfung empfiehlt. Ähnlich der Grippe-Impfung.
Können die Corona-Maßnahmen schon aufgehoben werden? Verstärkt das nicht den Druck auf die ohnehin überlasteten Kliniken?
Streeck:  Im Moment haben wir eine angespannte Situation, deshalb müssen wir weiterhin achtsam sein und darauf Rücksicht nehmen. Aber das eigentliche Problem ist unser akut reformbedürftiges Gesundheitssystem, in dem es vor allem an qualifizierten Fachkräften mangelt. Deshalb führen ja die Erkältungswellen durch Influenza und RSV immer wieder zu diesen starken Belastungen.
Dennoch macht es Sinn, mehr über Gebote zu sprechen als über Pflichten. Wir müssen in meinen Augen den Umgang mit dem Coronavirus angleichen, mit dem zu anderen Coronaviren, anderen Erregern.

Was meinen Sie konkret? Welche Corona-Maßnahmen können fallen?
Streeck:  Zunächst muss die Frage gestellt werden, inwieweit die derzeit geltenden Maßnahmen das Infektionsgeschehen überhaupt noch beeinflussen. Wir haben die  Maskenpflicht  im Fernverkehr, die ist zum Beispiel nicht zielführend. Hier sind nie große Infektionsherde beobachtet worden. Ganz im Gegensatz zum Beispiel zu Bars oder Restaurants, wo längst keine Einschränkungen mehr gelten. Eine Maskenpflicht in Fernverkehrszügen, das ist Augenwischerei.
Statt einer  Isolationspflicht  plädiere ich für ein Isolationsgebot. Ich sehe nicht, warum wir hier so einen großen Unterschied zu anderen Erregern machen, wie etwa der Grippe. Und es gibt ja bereits Bundesländer, die die Isolationspflicht aufgehoben haben. Auch dort sieht man derzeit keinen Anstieg an Krankheitsfällen.
Menschen in  Krankenhäusern und Alten- oder Pflegeheimen  sind eine besonders zu schützende Bevölkerungsgruppe. Aber die Häuser haben alle Experten vor Ort. Die Fachärzte für Hygiene, die in den Einrichtungen entweder arbeiten oder über die Gesundheitsämter kommen. Die wissen genau, wie man die Patienten oder Bewohner am besten schützt. Statt einer bundes- oder landesweiten Regelung sollten die Häuser deshalb ihre eigenen Regeln erstellen – wie sie es auch für andere Erreger machen.
Haben Sie eine Forderung an die Politik?
Streeck:  Was ich mir wünschen würde, ist eine stringente Linie. Ich fand es sehr überraschend, dass ein Ausruf (von Drosten; Anm. d. Red.) so eine Reaktion ausgelöst hat – so etwas tut aus meiner Sicht auch den politischen Entscheidern nicht gut, denn es lässt Prozesse planlos erscheinen.
Ich glaube, dass eine verständliche, absehbare Linie wesentlich dazu beitragen würde, die Thematik insgesamt souveräner zu managen.

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