Warum uns Russland den Gashahn nicht ganz zudrehen kann

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Die Angst ist da, dass Russland uns im Winter kein Gas mehr liefert. Doch dazu müsste es seine Gasfelder in der Barentssee temporär stilllegen. Das ist technisch aufwendig, würde Russland jahrzehntelang schädigen und viel Geld kosten.

Russlands schwerste Waffe gegen den Westen ist sein Erdgas und gerade Deutschland ist dabei verwundbar. Seit Mitte Juni ist die Gasmenge, die durch Nordstream 1 vom russischen Wyborg nach Mecklenburg-Vorpommern fließt, gedrosselt. Nach zehntägiger Wartung ging es jetzt auf 20 Prozent der eigentlichen Kapazität von rund 150 Millionen Kubikmetern am Tag herunter.
Die Angst scheint berechtigt, dass Russland seine Gas-Waffe noch verschärfter einsetzt und spätestens, wenn es bei uns im Winter kalt wird, die Gaslieferungen ganz einstellt. Dann würde es ernst, denn schon jetzt lassen sich die Gasspeicher im Land nicht wie sonst üblich im Sommer mit Reserven auffüllen, die die ganze Heizperiode von Oktober bis März ausreichen würden.

Die russische Strategie ist leicht auszurechnen. Stehen bei uns die ersten Fabriken wegen Gasmangels still und fangen vielleicht sogar Privathaushalte an zu frieren, soll die öffentliche Stimmung im Land kippen. Russland hätte dann leichtes Spiel, vielfältige Forderungen durchzusetzen, wenn es verspricht, den Gashahn wieder aufzudrehen: ein Ende der Sanktionen, Stopp der politischen und militärischen Unterstützung der Ukraine und so weiter.

Doch fraglich ist, ob hinter der Drohgebärde wirklich mehr steckt. Denn so einfach kann Russland den Gasfluss nach Europa gar nicht stoppen. Das hat rein technische Gründe. Das Gas, das durch Nordstream 1 fließt, stammt hauptsächlich aus Gasfeldern in der nördlichen Barentssee. Die sind direkt an die Pipeline angeschlossen. Soll also kein Gas mehr durch Nordstream fließen, müsste Russland auch die Produktion in seinen Gasfeldern stoppen.

Das ist aber nicht so einfach. „Das zeitweise Abschalten von Öl- oder Gasquellen ist etwas, dass Konzerne um jeden Preis zu verhindern versuchen“, erklärt der kanadische Wissenschaftsjournalist Philippe Gauthier. Der Grund: Unterirdische Gasfelder stehen meist unter großem Druck. Werden sie einmal angezapft, schießt das Gas durch die Bohrungen an die Oberfläche – kontinuierlich.

Der Rohstoff liegt dabei in der Erde wie auch Öl nicht in einem großen Becken, sondern in den Ritzen und Löchern des Gesteins, meistens in Sandgestein. Wurde daraus einige Zeit Gas gefördert, lässt der Druck langsam nach. Bleibt die Pumpkraft durch das Bohrloch aus, sickern Sand, Wasser, andere Kohlenwasserstoffe und lockeres Gestein in das Sandgestein und verstopfen Poren und Adern. Wird das Feld später wieder angezapft, ist die Leistung deswegen meist niedriger, schlimmstenfalls halbiert sich die tägliche Produktion.

Außerdem sind stillgelegte Gasfelder ein Sicherheitsrisiko. Aus dem Gestein können ohne kontrolliertes Abpumpen Gase wie Methan entweichen, entweder an die Oberfläche oder etwa in nahes Grundwasser. Als zu Beginn der Corona-Krise die Ölpreise fielen und viele Fracking-Felder in den USA temporär schlossen, wurden die Reservoirs deswegen teilweise mit Zement versiegelt. Das mindert die später mögliche Produktion. Russische Ingenieure müssten sich solche Maßnahmen überlegen, sollten sie die Gasfelder in der Barentssee abschalten wollen.
In jedem Fall verringert sich nicht nur die Produktion in einem wiedereröffneten Gasfeld, die Neueröffnung kann auch das Equipment empfindlich schädigen.

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